Der politische Einfluss von Twitch

Der politische Einfluss von Twitch

Warum ist das relevant?

Viele soziale Netzwerke verändern sich konstant, andere haben bereits ihr Potential aufgebraucht und ihren festen Platz gefunden. Zum Beispiel Facebook, Instagram oder Tinder – ganz besonders Tinder. Wenn es um die Streaming-Plattform Twitch geht, scheint der primäre Fokus auf das live-streamen von Computerspielen und E-Sport-Wettkämpfen bereits etabliert zu sein.

Aber genau wie es bei YouTube der Fall ist, können die Benutzer mit ihrem Content die Inhalte der Plattform zeichnen – und das ist genau, was im Moment auf Twitch passiert. Es ist eine wachsende Community entstanden, die hungrig nach Diskussionen über politische, ethnische und philosophische Themen ist.

Nachdem die meisten Nutzer von Twitch eher von jüngeren Schlag sind, stehen die Chance nicht schlecht, dass dieses Medium ihr größter Berührungspunkt mit solchen Fragen ist – In gewisser Weise hat Twitch damit die Chance eine Generation von Spielebegeisterten mitzuzeichnen. Dieser Artikel setzt sich mit den Chancen, Vor- und Nachteilen, sowie möglichen Problemen auseinander. Grundsätzliches zuerst:

Was ist Twitch

Twitch ist eine online Streaming-Plattform, die 2011 von Justin Kane gegründet wurde. Das Konzept von Twitch ist heute das live-streamen von Menschen die Computerspiele spielen, um genau zu sein sind es inzwischen 3.1 Millionen unterschiedliche Streamer pro Monat. Im Januar 2018 hat Twitch sein Höhepunkt von fast einer Million durchgängiger Zuschauer erreicht. Diese Zahlen sind vergleichbar mit den Zuschauerraten von CNN. Auch wissenswert: Amazon hat es 2014 für fast eine Billion gekauft.

Die ursprüngliche Idee von Twitch hatte hingegen gar nichts mit Spielen zu tun. Der Gründer Justin Kane startete seinen eigenes justin.tv als ein Verwandter von “big-brother” live-streaming Konzept, auf der Plattform konnten er und andere Nutzer ihren Alltag als eigene Reality-Show teilen – er nannte es damals “lifecasting”.

Pic-Credits: Brian Solis bei flickr

Im Nachhinein gibt er zu, dass es eine schreckliche Idee gewesen ist (dabei war sie doch eher seiner Zeit voraus). Das Feedback fiel auch unterschiedlich aus. Falls man es noch Feedback nennen kann, wenn die Zuschauer auf die brillante Idee kommen, die Polizei aufgrund erfundene Schießereien oder anderer Gewalttaten bei der Adresse des Streamende zu melden, um dann die Stürmung der Wohnung live mit verfolgen zu können. Auch der Gründer der Plattform blieb nicht von so einen „trolling“ verschont.

Aber es gab auch produktives Feedback von der Community. Justin bekam viele Anfragen ob es nicht möglich wäre live-streaming für Computerspiele zu ermöglichen und schlussendlich stellte er auch für genau diesen Zweck einen Fachmann ein. Eine Entscheidung, die ihn später zu einem Millionär machen sollte.

Twitch hat momentan kaum wirkliche Konkurrenz und ist erfolgreicher als jemals zu vor. Zu verdanken hat das die Plattform der Einzigartigkeit des Konzepts im Allgemeinen aber auch einigen anderen Besonderheiten, die andere Video-Plattformen nicht zu bieten haben.

Der Unterschied zwischen YouTube und Twitch

YouTube funktioniert in einer einfachen, einlinigen Kommunikation. Ähnlich wie dieser Blog. Es gibt erstellten Content und der wird konsumiert: Es gibt einen Autor und einen Leser, oder im Falle von Youtube einen Zuschauer. Natürlich können die Leser/Zuschauer kritisieren oder ihre Meinung in den Kommentaren äußern, sogar einen Gegenartikel/Video zu dem Thema erstellen. Das ändert aber nichts daran, dass der Schöpfer des Contents nicht davon beeinflusst wird während er es erstellt. Es spielt keine Rolle, ob es nur um Computerspiele, quatschen über das Privatleben, politische Standpunkte äußern, Musik machen oder Streiche spielen geht.

Hier unterscheidet sich Twitch gewaltig – es ist immer live und die Interaktion zwischen Zuschauern und Streamern sind einer der fundamentalsten Elemente des Mediums. Es gibt kein löschen von einem Absatz, kein wegschneiden von versehentlichen Schimpfwörtern, keine stundenlangen Monologe vor der Kamera, bis der Ersteller endlich zufrieden mit seiner Punch-Line ist.

Es ist live; mit all den Fehlern und Ausrutschern die passieren, mit all den Fragen und Kommentaren der Zuschauer, die direkt gestellt werden. Ganz besonders dann, wenn es um politische oder ethische Meinungen geht. Twitch ist auf eine gewisse Art und Weise erheblich echter und authentischer als ein Artikel oder ein Video, was genau der Grund ist, warum es soviel Potential auch außerhalb des bloßen streamen von Videospielen hat.

Noch spannender wird es, wenn es nicht nur ein Streamer und seine Zuschauer sind, sondern verschiedene Streamer mit unterschiedlichen Meinungen, gebündelt in einen gemeinsamen Stream und am Diskutieren über ein kontroverses Thema – Während nebenbei auch noch live Feedback von den Zuschauern miteinfließt! Klingt chaotisch? Oh ja, es ist extrem chaotisch – macht es Spaß anzuschauen? Absolut! Der folgende Clip ist von einer Twitch-Diskussion zwischen den rechts populistischen YouTuber Jonathan Aryan Jafari aka JonTron gegen den Streamer Steven Bonnell aka Destiny, einer der meist gesehenen Streamer, wenn es um politische und ethische Diskussionen auf Twitch geht (Mein Lieblingspart ist übrigens bei 45m23s).

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Trump hat Twitch politisiert

Politische Themen auf Twitch anzusprechen ist im Moment eher noch eine Ausnahme. Es gibt viel Streamer, die in ihren Kanal eine strikte Regel in ihren Chat gegen politische Themen aufgestellt haben – gerne durch Moderatoren durchgesetzt. Es macht Sinn, wenn man bedenkt, dass die meisten Vollzeit-Streamer auf Subscriber und Spenden angewiesen sind – einen politischen Standpunkt zu vertreten, könnte eine Gefahr für das Einkommen bedeuten.

Und es geht hier um viel Geld! Manche Streamer verdienen bis zu 100.000 Dollar pro Jahr. Bis in 2016 die Plattform zum ersten Mal die republikanische und demokratische Versammlungen live-streamte und kurz nach der Wahl von Donald Trump, zum neuen Präsident der Vereinigten Staaten, haben selbst Streamer die sich zuvor politisch enthalten haben, öffentlich Position eingenommen und ihre Meinung zu vertreten.

Über zockende Politiker, Anonymität und kulturelle Kontroversen

Auch in Europa entwickelt sich etwas; vor weniger als einem Jahr entschied sich ein junger schwedischer Politiker das neue Medium für den Wahlkampf um die junge Wählerschaft zu nutzen. In einem zwei Stunden live-Stream, während er das beliebte Spiel Hearthstone zockte, widmete er sich den Fragen der Zuschauer via Chat.

The swedish politician Rickard Nordin

Was uns zu einer der Kontroversen bezüglich Twitch bringt: Der Streamer zeigt sein Gesicht, evtl. auch Namen und Identität – die Zuschauer hingegen bleiben anonym – was den live-Stream von Rickard Nordin besonders interessant, von einem kulturellen Standpunkt aus betrachtet, macht.

Seit jeher musste man eine einflussreiche Person sein, um direkt einen bekannten Politiker interviewen zu können – dass nun ein buchstäblicher Niemand die Gelegenheit bekommt all die Fragen zu stellen, die auf dem Herzen liegen, ist eine komplett neue Interaktion zwischen Politikern und potentiellen Wählern (Natürlich gibts trotzdem keine Garantie, dass man auch eine Antwort auf die Fragen bekommt). Man stelle sich vor dieser Politkpionier würde andere Politiker motivieren dasselbe zu tun und es würde irgendwann ein anerkanntes Wahlkampfmittel sein, direkt mit möglichen, anonymen Wählern zu kommunizieren.

Höchst unrealistisch natürlich, da die meisten hochrangigen Politiker die Fragen eines Interviews im vorauswissen möchte oder sie gar selbst diktieren, bevor sie sich überhaupt auf ein öffentliches Interview einlassen. Aber ein interessantes Phänomen ist der Fall Nordin trotzdem.

Warum Twitch großes Potential bezüglich verlässlicher Quellen hat

Pic-Credits: Mikes Photos bei Pexels

Ein weiterer Aspekt von Twitch ist die Verlässlichkeit von Quellen. Wenn ein YouTuber ein Video postet, das einen politischen Standpunkt vertritt und die Quellen (pardon) total Bullshit sind, dann spielt das auch keine Rolle mehr, denn die meisten Zuschauer geben sich sowieso nicht die Mühe die Aussagen zu prüfen und selbst wenn sie es im Nachhinein tun, der Schaden ist bereits angerichtet.

Nicht selten ist das ein beliebtes Mittel von rechtsextremen und faschistischen Kanälen. Wo mithilfe von falschen Statistiken oder verdrehten Gesetzeslagen eine radikale Meinung vertreten wird. Zum Beispiel das es in Schweden und Deutschland gesetzlich toleriert wäre, dass Flüchtlinge vergewaltigen dürfen (Ich verlinke hier keines dieser Videos, da sie meiner Meinung nach schon genug Aufmerksamkeit bekommen haben).

Versucht man so eine Art von Shitposting auf Twitch hat man es nicht so einfach, da die Zuschauer zeitglich zum Stream die gegebenen Fakten nachprüfen können, genauso, wie die anderen an der Diskussion teilnehmenden Streamer. Und dem Publikum auf Twitch sollte man nicht sauer aufstoßen! Die Karrieren von zahllosen Streamern wurden regelrecht zerstört, nachdem sie ihre Zuschauer verärgert oder gegen die Richtlinien der Plattform verstoßen haben. Weshalb der Chat auf Twitch auch als eine Art von Regulator der Inhalte funktioniert.

Warum Twitch weniger Regulierung als YouTube braucht

Pic-Credits:
Aleksandar Pasaric bei Pexels

Twitch ist keine regelfreie Zone. Dinge wie Nacktheit, Fluchen (angeblich), Ideendiebstahl oder offener Faschismus sind nicht erlaubt und führen zu einem Rauswurf.

Natürlich hat YouTube ähnliche Richtlinien und dennoch sind diese leichter auf Twitch umzusetzen.

Während die meisten sozialen Plattformen große Firmen beauftragen – meistens in Dritt-Welt-Ländern, mit etlichen soggenannten „cleanern“, die nichts anderes tun als sich sämtliche, weltweit gepostete Inhalte anzuschauen und prüfen ob diese gegen die Richtlinien verstoßen – Cleaner die häufig schweren psychischen Krankheiten erlegen, nachdem sie über Jahre hinweg die abstoßendsten Dinge, die das Internet zu bieten hat, konsumieren müssen (Für mehr Informationen zu diesem Thema empfehle ich den Dokumentarfilm „the cleaners“), hat Twitch seine ganz eigenen „Cleaner“, die freiwillig und unbezahlt den Stream anschauen, hunderttausende davon: die Zuschauer. Aber auch das trägt ein gewisses Risiko.

Wie Streamer von ihrer Community beeinflusst werden

Es gibt viele Beispiele von Streamern die zu radikalen Mitteln greifen um ihre Zuschauerzahlen zu steigern; sich selbst Schaden zufügen, Unbeteiligten Streiche spielen, andere Ethnien beleidigen oder sich selbst sexualisieren (Sex sells – besonders bei Minderjährigen). In den meisten dieser Fälle werden die Akteure nicht bestraft, sondern belohnt von den Zuschauern – besonders gerne durch Spenden.

Origamicredits: JupiterLily bei deviantart

Fairerweise muss man zugeben, Geld aus beleidigenden, politisch inkorrekten Inhalten zu machen ist ein Phänomen, das sich sämtlichen sozialen Plattformen finden lässt und ehrlich gesagt, ist es wahrscheinlich einfacher Twitch auf einen „gesunden“ Stand zu halten. Man kann es trotzdem nicht verneinen, dass sich in den letzten Jahren eine toxische Chatkultur etabliert hat. Das Problem ist, dass Streamer natürlich ihre Community formen können, aber am Ende des Tages damit ihr Einkommen beschneiden.

Die Zuschauer wollen auch beachtet werden

Abhängig davon, wie viele Menschen einen Stream verfolgen und darauf kommentieren, kann es geradezu unmöglich sein mit dem Streamer herkömmlich zu kommunizieren. Also was ist die einfachste Lösung? Provokation. Was besonders gerne bei ethnischen Minderheiten oder weiblichen Streamern passiert. Überraschend ist das nicht, da jeder Twitch hinter den Schutz der Anonymität nutzen kann, was es sehr einfach macht zu „trollen“ oder zu „triggern“.

Da alles immer live passiert, gibt es keine Möglichkeit einen emotionalen Ausbruch zurückzunehmen. Weswegen die meisten professionellen Streamer, im Laufe ihrer Karriere, eine sehr dicke Haut entwickelt haben oder zumindest andere Coping-Mechanismen. Manche spielen sogar direkt mit ihrer toxischen Community, portraitieren einen passenden Charakter, um Vorteile daraus zu ziehen.

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Streamer sind Darsteller

Im ersten Moment mag das zwar komisch klingen aber wenn man sich darauf einlässt einen Streamer nichtmehr als jemand der ein Hobby verfolgt zu betrachten, sondern eher als jemand der seinen Unterhalt verdient; Also jemand der davon abhängig ist, überzeugend vor tausenden von Abonnenten aufzutreten damit die Miete bezahlt werden kann – also als der Darsteller, der er es auch ist. Macht es erheblich mehr Sinn, dass eine Rolle gespielt wird. Nicht weil man es möchte – sondern weil man es muss!

Stell dir vor du gehst zur Aufführung eines bekannten Komikers und er würde plötzlich seine Show in eine Buchlesung ändern – Du würdest wahrscheinlich dein Geld zurückverlangen.

Ich habe mit den professionellen Streamer Steven Bonnell aka Destiny über seine Meinung bezüglich Politik auf Twitch, Rassismus im Chat, der Wichtigkeit von Quellen und der potentiellen Zukunft des Mediums als politisches Instrument gesprochen.

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Ich hoffe euch hat das Interview gefallen und falls ihr Interesse an ethischen, philosophischen und politischen Diskussionen hast schau doch mal bei Destiny’s Channel auf YouTube vorbei oder besuch einen seiner Livestreams auf Twitch.

Wie immer bin ich gespannt über eure Gedanken, Meinung und Feedback zum Thema. Fühlt euch eingeladen mir Frage zu stellen oder mich zu korrigieren, falls ihr der Meinung seid ich habe etwas übersehen oder vergessen. Danke fürs lesen und habt einen schönen Tag.

Grüße
Daniel



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